Das große Insektensterben: Was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen

»So bildhaft, wie man es sich damals gern von seinem Biologielehrer gewünscht hätte.« Ralf Julke, Leipziger Internet Zeitung

Die »Krefeld-Studie« hat gezeigt: Das Artensterben ist auch bei uns angekommen. Wenn bislang irgendwo in Afrika eine unbekannte Art verschwand, konnte man dazu vielleicht noch mit den Schultern zucken. Aber nun sterben Bienen, Schmetterlinge und Käfer vor unserer Haustür – und mit ihnen verschwinden Vögel, Frösche und vieles mehr.

Was wir mit den Insekten verlieren, ist nicht allein das Fundament eines intakten Ökosystems; mit dem Aussterben der Bestäuber steht die Nahrungsmittelversorgung für unzählige Menschen auf dem Spiel. Wozu brauchen wir Insekten? Ist ihr Verschwinden nur eine kurzfristige Laune der Natur? Wer oder was ist dafür verantwortlich?

Der Insektenforscher Andreas Segerer erläutert die Zusammenhänge und zeigt auf, was jetzt passieren muss. Dazu liefert Eva Rosenkranz viele praxisnahe Tipps und nennt Initiativen, die sich dem Insektensterben entgegenstellen – nach dem Motto: Wir fangen schonmal an! Denn jeder kann seinen Beitrag leisten, damit die Welt nicht verstummt, sei es durch einen insektenfreundlichen Garten oder durch Engagement im eigenen Umfeld.

Verlorenes Paradies – Wie ich zu den Schmetterlingen kam

Das Ende der Welt kam für mich aus heiterem Himmel, und ich hatte ihm nichts entgegenzusetzen. An den genauen Zeitpunkt kann ich mich nicht erinnern, vermutlich war es im Sommer 1970: Ich war damals ein Knirps von acht oder neun Jahren. Aber die Bilder bekomme ich bis heute nicht aus dem Kopf, geblieben sind ein Gefühl von Fassungslosigkeit und Ohnmacht.

Der erste der, aus heutiger Sicht, apokalyptischen Reiter, den ich traf, hatte die Gestalt eines dicken Schlauches, angeschlossen an eine unerbittlich arbeitende Pumpe. Sie saugte jenen Tümpel allmählich leer, den wir Kinder »das Moor« genannt hatten und an dem ich in den Jahren zuvor viele unvergessliche Stunden verbracht hatte, fasziniert von all dem prallen, vielfältigen Leben im und auf dem Wasser.

Jetzt war sein Untergang beschlossen, und ich stand stumm und überfordert daneben. Ich musste zusehen, wie dem »Moor« und den unzähligen Lebewesen darin der Garaus gemacht wurde. Und das war erst der Anfang! Das gesamte Gelände ringsherum, die Magerrasen und die Kornfelder, meine heile Welt, in der ich meine ersten, prägenden Erfahrungen mit dem machen konnte, was man heute »Biodiversität« nennt – all das würde schon bald nicht mehr sein, würde unwiderruflich vernichtet werden.

Auf den Schlauch folgten weitere Reiter; jetzt hatten sie die Gestalt von Baumaschinen. Die vielen Schmetterlingsraupen auf dem Gelände mussten Planierraupen weichen. Der Hunger der Stadt nach Bauland war grenzenlos – und ist es bis heute geblieben. Ich sehe mich dort am Rande des Tümpels stehen, zum allerletzten Mal. Nie hätte ich mir so etwas ausmalen können. Das verlorene Paradies meiner frühen Kindheit lag in der Nähe unseres Hauses, damals der südliche Stadtrand von Regensburg. Man musste nur zweihundert Meter gehen. Eine große Linde – sie steht noch heute und kann alles bezeugen – markierte das Ende der Teerstraße und den Eintritt in mein Paradies.

Schon im Alter von fünf Jahren zog es mich unwiderstehlich dorthin, ging ich mit einem kleinen Handnetz, das meine Mutter mir genäht hatte, auf die Jagd nach Schmetterlingen, Eidechsen, Molchen und anderem Getier. Zur Linken, am Fuß der Linde, gab es einen unordentlichen Fleck, den wir den »Misthaufen« nannten und auf dem irgendwer allerlei Dinge entsorgt hatte: Schnittgut, Draht, einen Bettenrost. Das störte damals niemanden und mich erst recht nicht. Denn dort wohnten Zauneidechsen in einer seltenen, fast vollständig grünen Form.

Ich begegnete diesen außergewöhnlichen Tieren in den Jahren 1966 und 1967, sah noch ein einzelnes Exemplar im Sommer 1968, fing es und brachte es stolz mit in die erste Klasse der Volksschule. Das war damals kein Verbrechen, ich wurde sogar nachdrücklich gelobt für mein naturkundliches Interesse und für mein Jagdtalent. Das Tier bekam nach dem Schulbesuch am angestammten Platz seine Freiheit zurück, trotzdem habe ich derart gefärbte Tiere in den Folgejahren nie wieder gesehen. Von der Linde aus führte ein Trampelpfad bergab. Er endete ein paar hundert Meter weiter an der alten Straße und den Bahngleisen.

Gesäumt wurde er oben von einem Weizenfeld mit Klatschmohn und Kornblumen, ansonsten links und rechts nur von offenem, magerem Ödland. An den Brennnesseln sammelte ich die Raupen von Tagpfauenauge und Kleinem Fuchs – es gab sie zuhauf –, züchtete sie in Weckgläsern und verfolgte fasziniert die Metamorphose, die Verwandlung in metallisch gefleckte Stürzpuppen und schließlich den Schlupf der Falter und das Entfalten ihrer Flügel. Überhaupt gab es Falter, Heuhüpfer, Bienen, Schnecken, Libellen und anderes Getier im Überfluss. Das Lied der Feldlerche war alltäglich, unzählige Schwalben – heute so gut wie verschwunden – bevölkerten den Himmel. Zur Rechten war das Land eben; vor allem dort lebten Zauneidechsen in heute unvorstellbarer Menge.

Zur Linken waren die Wiesen buckelig wie eine Skipiste, und in einer der Senken befand sich der kleine Tümpel, unser »Moor« – ein magischer Anziehungspunkt. Er war so flach, dass man auch als Knirps gefahrlos darin stehen konnte, und an jenen Stellen, wo weder Sumpfgräser noch Wasserlinsen den Blick verwehrten, eröffnete sich eine vor Leben berstende Welt.

Sumpf- und Posthornschnecken, Köcherfliegenlarven, Libellenlarven, Wasserläufer und Wasserskorpione (beides Wanzenarten), Gelbrandkäfer – all das und vieles mehr gab es dort in Fülle zu bestaunen. Ich fing Teichmolche und Kaulquappen und hielt sie, so gut ich es vermochte, zu Hause in Aquarien und Terrarien. Selbst im Winter war ich unterwegs, um nach »meinen« Tieren zu schauen. Ich erinnere mich an einen warmen Tag im März, kurz nach der Schneeschmelze, als massenhaft überwinterte Raupen eines Bärenspinners unterwegs waren, auf der Suche nach erstem, frischem Grün; es müssen weit über hundert Tiere gewesen sein. Ich selbst konnte und durfte solche Entdeckungen und Naturerfahrungen noch machen und sie gehören zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit.

Die Kinder von heute kann ich diesbezüglich nur bemitleiden. Ihnen sind solche prägenden Eindrücke inzwischen verwehrt. Erstens, weil es bei uns eine solche Vielfalt kaum noch gibt, und zweitens, weil heute unsinnige Artenschutzbestimmungen die Natur vor Kindern schützen: Die Möglichkeit des Sammelns, um Natur im wahrsten Sinn des Wortes begreifen zu können, hat der Gesetzgeber unterbunden – den Artenrückgang jedoch nicht (siehe Kapitel 5).

Woher mein überaus stark ausgeprägtes Interesse für Natur, Naturwissenschaft und insbesondere Schmetterlinge kommt, weiß ich nicht; der Drang zum Jagen und Sammeln ist mir wohl in die Wiege gelegt, denn anders ist es kaum zu erklären, wenn man schon als Fünfjähriger Kohlweißlinge fängt und damit eine Schmetterlingssammlung begründet. Zu Hause wurde mein Interesse stets unterstützt.

In praktischen Dingen half mir mein Onkel Josef sehr. Er hatte als Kind selbst eine Schmetterlingssammlung gehabt und leitete nun mich mit Rat und Tat an. Mit ihm durfte ich schließlich auch auf Nachtfang gehen. Unvergessen ist mir die totale Mondfinsternis vom 6. August 1971. Der Blutmond hing tief am östlichen Himmel und schimmerte zwischen den uralten Eichen hindurch, deren Stämme wir mit Zuckerköder bestrichen hatten.

Dutzende von Nachtfaltern drängten sich nun um die Köderstellen, darunter endlich auch das lang ersehnte Rote Ordensband, einer unserer größten und farbenprächtigsten Nachtfalter. Leider starb mein Onkel früh, aber ich bekam bald Kontakt zu ortansässigen Sammlern, älteren Herren zumeist, die mich wohlwollend unterstützten, ohne freilich ihre letzten Geheimnisse preiszugeben.

In der Volksschule nannte man mich den »Schmetterlingsprofessor«, weil ich unter der Bank heimlich Bestimmungsbücher las, wenn der Unterricht gar zu langweilige Themen behandelte. Im Gymnasium entdeckte einer der Biologielehrer, Dr. Ludwig Neumayr, mein Interesse und förderte es kontinuierlich. Er selbst sammelte Moose und Flechten, früher auch Schmetterlinge, und wurde nach dem Abitur zu einem engen Freund und Sammelkollegen. Ihm habe ich maßgeblich zu verdanken, dass ich mich für das Biologiestudium entschied und Wissenschaftler wurde.

Er gab auch den entscheidenden Anstoß, sich den »Mikrolepidopteren« zuzuwenden, jene kleinen und kleinsten Arten, die zwar fast zwei Drittel der heimischen Schmetterlinge ausmachen, über deren Verbreitung aber bis heute nur ziemlich wenig bekannt ist; das liegt am Mangel an Spezialisten, die sich für solche »Motten« interessieren. Wegweisend war auch der Kontakt zu Herbert Pröse aus Hof, der damals einzigen Autorität für bayerische Kleinschmetterlinge. Er wurde zum engen Freund und zu meinem wissenschaftlichen Lehrer für diese Gruppe.

Ohne mein Elternhaus samt Onkel Josef, ohne Ludwig Neumayr und Herbert Pröse wäre ich heute nicht das, was ich schließlich geworden bin: Forscher und Kurator für Kleinschmetterlinge in einem der bedeutendsten Forschungsmuseen der Welt, der Zoologischen Staatssammlung München. Das Paradies der Kindheit, wo mein Interesse für die Natur erwachte und alles begonnen hat, ist heute nur mehr Erinnerung (siehe Kapitel 4).

Es ist Siedlungsgebiet, Teil der Großstadt geworden, und die Menschen, die dort wohnen, ahnen nichts von dem Paradies, das hier einst war. Der Sommerflieder im Garten, der sich vor fünfzig Jahren noch vor Faltern förmlich bog, ist heute so gut wie verwaist. Von den zahlreichen Plätzen in der Umgebung von Regensburg, an denen ich als Kind, Jugendlicher und Student sammelte, sind die meisten zugebaut oder mit Büschen zugewachsen, und auf den wenigen verbliebenen Restflächen muss man manche einst häufig vorkommende Arten gezielt suchen, um sie überhaupt noch zu Gesicht zu bekommen.

Ich bin Biodiversitätsforscher geworden, weil mich Vielfalt fasziniert und Einfalt langweilt. Ich bin Forscher geworden, um in der Vielfalt neue, bisher unbekannte Arten zu entdecken und für die Wissenschaft zu beschreiben. Dass ein vager Traum aus früher Kindheit sich solcherart erfüllen würde, war zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar und ist für mich wie ein Glückstreffer im Lotto. Aber dass mich eben diese Forschung einmal zum Sterbebegleiter unserer Artenvielfalt machen würde – auch das hätte ich mir nie träumen lassen…

Das große Insektensterben: Was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen Taschenbuch – 6. August 2018
von Andreas H. Segerer (Autor), Eva Rosenkranz (Autor).

Weitere Bücher aus dem Verlag:

Schreibe einen Kommentar