Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut

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Bildung in Deutschland: eine Katastrophe. Kinder und Gesellschaft nehmen Schaden! Michael Winterhoff redet Klartext, zeigt anhand vieler Beispiele aus seiner langjährigen Praxis als Kinder- und Jugendpsychiater, aber auch aus zahlreichen Rückmeldungen zu seinen Büchern und Vorträgen, was heute in Kitas und Schulen falsch läuft – so falsch, dass in seinen Augen die Zukunft unserer Gesellschaft gefährdet ist. Leidtragende sind für ihn die Kinder, die man quasi sich selbst überlässt.

Winterhoff verharrt nicht bei der Bestandsaufnahme und Analyse, er zeigt konkrete Lösungen und Maßnahmen auf und fordert u.a. eine groß angelegte Bildungsoffensive: bessere Ausbildung für Erzieherinnen und Lehrer, Einstellung von deutlich mehr Lehrern, Aufhebung des Föderalismus in der Bildung.

Vor elf Jahren erschien mein erstes Buch »Warum unsere Kinder Tyrannen werden«. In ihm stellte ich die Frage, ob unsere Kinder überhaupt noch zukunftsfähig seien. Denn schon damals war die eklatante Zunahme an Verhaltensaufälligkeiten nicht zu übersehen.

Als Kinder- und Jugendpsychiater erkannte ich, was da vor sich ging: Die Kinder und Jugendlichen waren nicht etwa ungewöhnlich »unerzogen« oder zeigten eine »Verweigerungshaltung«; was mit ihnen geschah und heute noch geschieht, ist viel tiefgreifender: Ihre Psyche verpasst wichtige Entwicklungsschritte; sie bleibt auf dem Niveau von Kleinkindern stecken.

Mit anderen Worten: Die Kin-der bleiben dumm. Ihre – als IQ gemessene – Grundintelligenz ist zwar vorhanden, sie ist schließlich angeboren. Doch soziale und emotionale Intelligenz müssen Kinder im Umgang mit Erwachsenen erwerben, und genau dies findet immer seltener statt.

Als Ursache für die mangelnde Entwicklung der Kinder hatte ich Eltern identifiziert, die in wachsender Zahl
aus ihren Überforderungssituationen heraus nicht mehr in der Lage sind, ihren Kindern ein Gegenüber zu sein. Mein Anliegen war es, dass Eltern wieder im Sinne des Wortes »zu sich« kommen, damit sie ihre Kinder wieder orientieren können.

Heute muss ich sagen: Dieser Kampf ist so gut wie verloren. Der Erregungslevel in unserer Gesellschaft ist so hoch wie nie zuvor. Fast alle Erwachsenen – und damit auch Mütter und Väter – stehen chronisch unter Strom. Kaum jemand ruht noch in sich.

Das hat zwingend zur Folge, dass die Beziehung zum Kind leidet – trotz der Liebe der Eltern zu ihrem Kind und ihrem Wunsch, es mit dem Besten zu versorgen. In Extremfällen wird das Kind nur noch als ärgerliche Störung wahrgenommen oder es soll als »Second Life«-Avatar die Wünsche und Sehnsüchte der Eltern bedienen.

Die Hoffnung, die Psyche der Kinder doch noch zu entwickeln, liegt also auf Kindergärten und Schulen. Kinder auf dem Weg ins Erwachsenenleben zu begleiten ist schon immer ihre Aufgabe gewesen. Doch seit der Jahrtausendwende wird in der Bildungslandschaft die völlig irre Vorstellung umgesetzt, dass Kinder die Partner der Erzieher beziehungsweise Lehrer sind und sie den Erwachsenen nur im Hintergrund brauchen.

Das bedeutet: Auch in Kindergärten und Schulen finden Kinder kein Gegenüber, an dem sie sich orientieren und ihre Psyche bilden können. Bereits mehrere Schülergenerationen sind davon betroffen.

In tausenden Gesprächen mit Eltern, Lehrern, Schulleitern und Bildungspolitikern habe ich mir ein Bild machen können, was zurzeit in Kindergärten und Schulen schief läuft und was sich ändern muss, damit sich die Kinder in den Gruppenräumen und Klassenzimmern wieder entwickeln können. Sollten einige der Aussagen, die ich über Kindergärten und Schulen treffe, für das eine oder andere Bundesland nicht gelten, bitte ich um Nachsehen.

Die Bildungslandschaft in Deutschland ist dank des Bildungsföderalismus extrem unübersichtlich. In Summe ist aber der Befund eindeutig: In den vergangenen zwanzig Jahren wurde – natürlich unbeabsichtigt – viel Energie darauf verwendet, die Bedingungen für die Kinder exakt so zu gestalten, dass sich ihre Psyche eben nicht entwickeln kann. Weil der lehrerzentrierte Unterricht durch das schülerzentrierte Lernen ersetzt wurde, wird dies sogar aktiv verhindert.

Ich bedanke mich bei den Lehrern und Fachleuten 8 überall im Land, die bereit sind, das Problem zu benennen und gegen die ideologisch aufgeladenen Ansichten einer großen Mehrheit Position zu beziehen. Danke auch an jene, die mir ihre Unterstützung für dieses Buch angeboten haben; nur sehr wenige von ihnen haben Platz auf den folgenden Seiten gefunden. Weil einige von ihnen damit rechnen müssen, mit ihrer unliebsamen Haltung Nachteile in ihrem Beruf zu erfahren, nenne ich sie nicht mit Namen.

Vor allem bedanke ich mich aber bei den Eltern, die das Bildungssystem kritisch hinterfragen und auf ihre Intuition vertrauen: Sie sind für ihr Kind präsent, machen mit ihm Hausaufgaben, lesen ihm vor und zeigen ihm auch zum dreißigsten Mal, wie man Schuhe anzieht. So tragen sie Sorge dafür, dass es jeden Tag einen weiteren Schritt in Richtung eines erfüllten, reichen Erwachsenenlebens schafft.

Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut“. Gebundenes Buch – 20. Mai 2019, von Michael Winterhoff.

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