Wir sind Geschöpfe des Waldes: Warum wir untrennbar mit den Bäumen verbunden sind

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Wolf-Dieter Storl möchte uns in „Wir sind Geschöpfe des Waldes“ den Wald wieder näherbringen. Er gibt uns einen Einblick in die Tiefen des Waldes mit seiner Geschichte, seinen Mythen, Bildern und Symbolen. Die erste Biographie zwischen dem Wald und dem Menschen wird damit eine Reise zu unseren wahren traditionellen Wurzeln.

Denn der Wald ist nicht nur ein „Ökosystem“ irgendwo da draußen; der Wald ist auch in uns, er ist Teil unserer Seelenlandschaft. Unsere Verbundenheit mit den Bäumen hat innige und tiefe evolutionäre Wurzeln: Sie entstand vor 70 Millionen Jahren, als wir als Primaten durch das Geäst der tropischen Urwälder Afrikas huschten. Über Millionen Jahre hinweg waren die Bäume unsere Welt; sie prägten uns physisch, seelisch und geistig.

Wer kennt noch die Bäume im Wald, die Kräuter, die da in den Ritzen der Mauern und Gehsteine wachsen? Was wissen wir noch über ihre Heilkraft, ihrem Duft, ihre Eigenschaft als nahrhaftes Wildgemüse?

Heutzutage haben wir diese Verbindung mit dem Wald (fast) verloren. Die meisten Zeitgenossen leben in Megastädten, mit Beton statt Moos und Humuserde unter den Füßen und elektronischer Musik statt Insektensummen in den Ohren. Dabei rückt die wahre Natur in die Ferne. Es würde uns gut tun, dieses Band zwischen Mensch und Natur wieder herzustellen und zu stärken.

DU KANNST DEN WALD VERLASSEN, … der Wald aber verlässt dich nie! Der Wald ist nicht nur ein biologischer Gegenstand, ein »Ökosystem« irgendwo da draußen außerhalb von uns; der Wald ist auch in uns, ist Teil unserer Seelenlandschaft. Die innige Verbindung unserer Spezies mit der Baumwelt entstand vor 65 Millionen Jahren, als die Riesenechsen, die Dinosaurier, gerade ausgestorben waren und wir als winzige, blatt- und früchtefressende Primaten, nicht unähnlich den heutigen Mausmakis in Madagaskar, durch das Geäst der tropischen Urwälder Afrikas huschten. So klein waren unsere entwicklungsgeschichtlichen Vorfahren damals, dass wir sie – wie Mäuschen – locker in unserer heutigen Hand hätten halten können.

Unsere Verbundenheit mit den Bäumen hat also tiefe und innige evolutionäre Wurzeln. Wir entwickelten uns im und mit dem Wald. Über Millionen Jahre hinweg waren die Bäume unsere Welt; sie prägten uns physisch, seelisch und geistig. Viele Millionen Jahre später streiften wir als Jäger und Sammler noch immer durch die Wälder, den Dschungel, durch savannenartige Baumsteppen oder die mit Koniferen und Birken bewachsene Taiga.

VOM ABGESONDERTSEIN

Heutzutage haben wir diese Verbindung mit dem Wald (fast) vergessen. Die meisten Zeitgenossen leben in Megastädten, umgeben von Menschenmachwerk aller Art, von summenden, surrenden, blinkenden oder auch stummen Maschinen, die das Leben angeblich leichter machen, aber zugleich auch stressvoller und komplizierter. Mit Beton statt Moos und Humuserde unter den Füßen, mit elektronischer Musik statt Vogelgesang und Insektensummen in den Ohren und einem Bewusstsein, das von virtuellen, fiktiven Inhalten besetzt ist, gehen die meisten von uns durchs Leben.

Bildschirme, sei es TV, PC oder iPhone, saugen unsere Seelen in Scheinwelten hinein. Dabei rückt die wahre Natur in die Ferne. Wer kennt überhaupt noch die Bäume im Wald, die Kräuter, die da unter der Hecke am Haus oder in den Ritzen der Mauern und Gehsteige wachsen? Was wissen wir noch über ihre Heilkraft, ihren Duft, ihre Eigenschaft als nahrhaftes Wildgemüse? Wer kennt noch den Falter oder das Kerbtierchen im Hinterhof, und wer nimmt sich Zeit, dem Gesang eines Vogels zu lauschen?

Und wenn man dem doch näher kommen will, dann geschieht das meist mit dem Kopf, der einem ständig eine Unmenge Fakten und Daten zuschnattert, der sie als Objekte definiert, als Dinge, die einem gegenüberstehen, als etwas, was man analysiert, und nicht etwas, mit dem man mit dem lauschenden, mitfühlenden Herzen in Resonanz geht.

Zunehmend verlieren wir nicht nur die Verbindung mit der Natur, sondern auch mit den Mitmenschen und schließlich mit unserem Seelenkern. Ich komme aus einer Zeit, in der man – auf der Straße, in der Bahn, dem Bus, der Kantine und in der Kneipe – noch miteinander redete. Heute starren die meisten auf die kleinen viereckigen Handydisplays oder Laptops. Viele sind davon derart absorbiert, dass man meinen könnte, man hätte es mit lauter Autisten zu tun. Auch der Zugang zur Natur besteht für viele aus einer App: Falls einen das in der Mauerritze wachsende Unkraut überhaupt interessiert, hält man das Smartphone darüber und – zack! – hat man den Namen und braucht es nicht länger anzuschauen.

Und die Sterne am Himmel? Da braucht man nicht lange hinzuschauen, mit der richtigen App kann man in Sekundenschnelle die Konstellation scannen. Auf diese Weise besteht die Gefahr, dass sich die Menschheit allmählich von ihrem Nährboden, von ihrer schönen Heimat, der Erde, löst. Schon jetzt träumen einige tonangebende Wissenschaftler vom Terraforming, von der Bewohnbarmachung und Besiedlung des Mars und anderer Himmelskörper als »zweiter Erde«. Dabei wissen wir noch nicht einmal, wie man auf dieser Erde richtig lebt…

Wir sind Geschöpfe des Waldes: Warum wir untrennbar mit den Bäumen verbunden sind” (Gräfe und Unzer Verlag) Gebundenes Buch – 2. September 2019
von Wolf-Dieter Storl.

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